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Drohender Kahlschlag in der Kinder- und Jugendhilfe – Teil 2 von 2

| Tiago Sven Schatz Kuhfuss | Aktuelles
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Drohender Kahlschlag in der Kinder- und Jugendhilfe – Teil 2 von 2

Nach dem im ersten Teil die möglichen Felder der Kinder und Jugendhilfe, die von massiven „Sparmaßnahmen“ betroffen sein könnten vorgestellt wurden, geht es heute um die Vorschläge des Paritätischen Gesamtverbandes. Außerdem blicken wir auf häufige Fragen und die Antworten des Paritätischen.

Hier der Originaltext aus dem Argumentationspapier des Paritätischen Gesamtverbandes vom Mai 2026:

Was schlagen wir stattdessen vor?

  • Keine Kürzungen bei individuellen Rechtsansprüchen von Kindern, Jugendlichen und Familien. Wer Hilfe braucht, muss sie bekommen – zugeschnitten auf den Bedarf, nicht auf den Durchschnitt.
  • Ursachenbekämpfung statt Symptombekämpfung. Wer die Ausgaben der Kinder- und Jugendhilfe dauerhaft senken will, muss Kinderarmut bekämpfen, Gesundheitsversorgung verbessern und Gewaltprävention stärken.
  • Eine ehrliche Debatte über die Finanzierung der Kinder- und Jugendhilfe unter Beteiligung der Betroffenen und der Fachleute.

Häufige Argumente – und unsere Antworten

„Das sind doch nur Vorschläge, noch ist nichts entschieden.“

Stimmt. Aber Vorschläge, die in einer Arbeitsgruppe von Bund, Ländern und Kommunen erarbeitet werden und hochrangig im Bundeskanzleramt koordiniert werden, können schnell Wirklichkeit werden, vor allem dann, wenn niemand widerspricht. Einige Vorschläge haben es sogar schon in den neuen Gesetzentwurf zum SGB VIII geschafft (KJHSRG, März 2026). Ein zweites Reformgesetz soll im Herbst 2026 folgen. Genau deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt, laut zu sein.

„Die Kosten sind explodiert. Irgendwo muss gespart werden.“

Ja, die Ausgaben sind gestiegen. Aber warum? Weil Deutschland in den letzten Jahren mehr Kitas gebaut, den Kinderschutz verbessert, mehr ambulante statt stationäre Hilfen angeboten und geflüchtete Kinder aufgenommen hat. Das waren richtige und politisch gewollte Entscheidungen.

Hinzu kommt: Der Großteil der Vorschläge würde gar kein Geld einsparen. Stattdessen würden die Kosten nur verschoben. Sie müssten von anderen staatlichen Ebenen, anderen Strukturen wie Schulen und Kitas oder von Familien getragen werden. Und sie würden in die Zukunft verschoben, in der Folgekosten anfallen.

Kosten in der Kinder- und Jugendhilfe

Die Ausgaben für die Kinder- und Jugendhilfe sind zwischen 1993 und 2023 von 16 auf 72 Milliarden Euro gestiegen. Das ist viel, doch es lohnt ein genauer Blick:

  • Ausbau Kindertagesbetreuung von 10 auf 49 Milliarden Euro
  • Hilfen zur Erziehung von 3 auf 17 Milliarden Euro
  • alle anderen Arbeitsfelder von 3 auf 6 Milliarden Euro

Der größte Ausgabenblock ist die Kindertagesbetreuung. Deutschland hat in den letzten Jahren massiv in Kitas investiert, weil Eltern einen gesetzlichen Anspruch auf einen Betreuungsplatz haben und weil Ganztagsbetreuung politisch gewollt war. Das war richtig.

Die Erziehungshilfen sind durch einen intensiveren Kinderschutz gestiegen, weil mehr Familien Unterstützung brauchen und weil der Staat gelernt hat, früher und ambulant zu helfen, statt erst dann einzugreifen, wenn Kinder aus der Familie herausgenommen werden müssen. Auch das war richtig. Hinzu kommen steigende Personalkosten. Erzieherinnen und Sozialarbeiter verdienen heute mehr. Das ist kein Fehler, sondern es war längst überfällig.

Und schließlich: Zwischen 2006 und 2023 wurden mindestens 43 Prozent des nominalen Ausgabenanstiegs durch Inflation ausgeglichen. Fast die Hälfte des Anstiegs ist also kein Mehr an Leistungen, sondern Preisentwicklung.

„Die Kommunen sind pleite.“

Die Haushaltslage vieler Kommunen ist ernst. Nach vielen Jahren der Überschüsse rutschten die Kommunen 2023 ins Minus, das seitdem erheblich angestiegen ist. 2025 lag das Defizit bei rund 30 Milliarden Euro. Die Hauptgründe: steigende Preise und Tarife (insbesondere bei Personal, Bauen und Energie), steigende Sozialausgaben und stagnierende Einnahmen durch schwache Konjunktur.

Die kommunalen Ausgaben beliefen sich 2025 auf 423 Milliarden Euro, davon 90 Milliarden Euro für Soziales. Die vorgeschlagenen Einsparungen in der Kinder- und Jugendhilfe würden das Defizit der Kommunen nicht ansatzweise ausgleichen. Hier müssen andere Lösungen gefunden werden.

Die Antwort kann nicht sein, bei Förderung, Betreuung und Schutz von Kindern und Jugendlichen zu sparen. Ein Kind, das heute keine Unterstützung bekommt, kostet das System morgen mehr: durch Heimunterbringung, durch Schulabbruch, durch mentale Belastungen und durch Folgeprobleme im Erwachsenenalter. Sparen an der falschen Stelle ist teuer. Die Antwort muss Ursachenbekämpfung sein: weniger Armut, bessere Gesundheitsversorgung und mehr Gewaltprävention. Familien und ihre Herausforderungen müssen systemisch, frühzeitig und bedarfsgerecht in den Blick genommen werden.