Psychische Gesundheit in sozialen Berufen - Alarmierende Trends und dringender Handlungsbedarf

von Kevin Bluhm:
Soziale Berufe wie Erzieher*innen, Sozialarbeiter*innen, Pflegekräfte und Fachkräfte in der Kinderbetreuung leisten einen unverzichtbaren Beitrag für unsere Gesellschaft, doch die Belastung in diesen Berufsfeldern ist in den vergangenen Jahren dramatisch gestiegen. Aktuelle Daten zeigen, die Zahl der Arbeitsunfähigkeitsfälle (AU) und insbesondere die Ausfallzeiten durch psychische Erkrankungen erreichen neue Höchststände und stellen die gesamte Branche vor große Herausforderungen.
Historisch hohe Krankenstände und steigende Ausfälle
Im Jahr 2023 wurde ein historisch hoher Krankenstand verzeichnet. Bereits bis August 2024 gab es 225 AU-Fälle je 100 erwerbstätige AOK-Mitglieder, so viele wie im gesamten Vorjahr. Laut dem TK-Gesundheitsreport 2024 stieg die Zahl der AU-Fälle 2023 um 15,67% gegenüber dem Vorjahr. Durchschnittlich war jede*r Erwerbstätige 1,81-mal krankgeschrieben, Frauen mit 1,97 Fällen deutlich häufiger als Männer mit 1,67 Fällen.
Soziale Berufe besonders betroffen
Fachkräfte der Heilerziehungspflege, Erzieherinnen und Krankenpflegefachkräfte meldeten sich im vergangenen Jahr deutlich häufiger krank als andere Berufsgruppen. Auch Sozialarbeitende, Altenpflegerinnen und Krankenpflegehilfskräfte waren überdurchschnittlich oft arbeitsunfähig. Besonders alarmierend: In der Sozialen Arbeit lag die Wahrscheinlichkeit, wegen Stress, Burnout oder Depressionen krankgeschrieben zu werden, rund 50% höher als im Durchschnitt anderer Berufe.
Psychische Erkrankungen als Hauptursache
Psychische Erkrankungen sind mittlerweile eine der häufigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeit in sozialen Berufen. 2022 waren über 17% der Fehltage auf psychische Erkrankungen zurückzuführen. Die Zahl der AU-Tage aufgrund psychischer Erkrankungen ist in den letzten zehn Jahren um 52% gestiegen. Depressionen, Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen führen zu immer mehr Krankschreibungen. Allein 2023 stieg die Zahl der AU-Fälle wegen psychischer Erkrankungen um 21%.
Erzieher, Sozialpädagogen und Fachkräfte in der Altenpflege hatten 2023 mit 534 bzw. 531 Tagen je 100 Versicherte die meisten AU-Tage. Depressionen waren weiterhin der wichtigste Krankschreibungsgrund.
Kinderbetreuung und Erziehung: Spitzenreiter bei Fehlzeiten
Beschäftigte in der Kinderbetreuung und -erziehung sind besonders stark betroffen. 2023 waren sie durchschnittlich knapp 30 Tage arbeitsunfähig, rund 9,5 Tage mehr als andere Berufsgruppen. In Berlin und Hamburg lagen die Fehlzeiten sogar mehr als 14 Tage über dem Durchschnitt. Die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen sind in diesem Bereich fast doppelt so hoch wie in anderen Berufen.
Kürzere Krankschreibungen, aber mehr Fälle
Trotz steigender Fallzahlen sank die durchschnittliche Dauer einer Krankschreibung 2023 um rund 12% auf 10,7 Tage pro Fall. Das bedeutet: Die Beschäftigten melden sich zwar häufiger, aber für kürzere Zeiträume krank. Ein Hinweis auf eine zunehmende Verdichtung und Dynamik der Belastung.
Ursachen: Emotionale Arbeit, Arbeitsdruck, fehlende Wertschätzung
Die Gründe für die hohe psychische Belastung sind vielfältig. Ständige Konfrontation mit schwierigen Lebenssituationen der Klient*innen, hoher Arbeitsdruck durch Personalmangel und steigende Fallzahlen, aber auch mangelnde gesellschaftliche Wertschätzung und vergleichsweise niedrige Gehälter. Die Pandemie hat diese Belastungen zusätzlich verschärft.
Gesellschaftliche Folgen und Handlungsbedarf
Die psychische Gesundheit der Fachkräfte hat direkte Auswirkungen auf die Qualität der sozialen Dienstleistungen. Überlastete und erschöpfte Mitarbeitende können weniger wirksam helfen, mit Folgen für die Klient*innen und letztlich die gesamte Gesellschaft. Die Daten zeigen deutlich: Es braucht dringend Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen, mehr Prävention, Supervision und gezielte Unterstützung für die Beschäftigten im sozialen Bereich.
Fazit
Der anhaltende Anstieg von Arbeitsunfähigkeit und psychischen Erkrankungen in sozialen Berufen ist ein Warnsignal. Wer sich um andere kümmert, braucht selbst Schutz und Unterstützung. Politik, Träger und Gesellschaft sind gefordert, die Rahmenbedingungen zu verbessern, damit soziale Berufe nicht nur systemrelevant, sondern auch lebenswert bleiben.
Quellen:
https://www.dak.de/dak/unternehmen/reporte-forschung/psychreport-2024_57364
https://social-innovation.blog/2024/10/26/psychische-gesundheit-in-der-sozialen-arbeit-warum-fachkraefte-haeufiger-krankgeschrieben-sind-und-was-dagegen-getan-werden-kann/
https://www.aok.de/pp/bv/pm/fehlzeiten-2024/
https://www.fliedner-fachhochschule.de/studie-zur-psychischen-gesundheit-von-sozialen-berufen/
https://www.tk.de/resource/blob/2168508/fbf36249c9b64fbc4760bcc9c99e9f8f/gesundheitsreport-au-2024-data.pdf