Jugend in der Pandemie (Teil 7) – persönliche Statements

| Sven Kuhfuss | Aktuelles
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Jugend in der Pandemie (Teil 7) –  persönliche Statements

In den vergangenen Monaten habe ich in 6 Blogbeiträgen verschiedene Aspekte zum großen Thema „Jugend in der Pandemie" dargestellt.Junge Menschen kamen in einer Reportage selbst zu Wort. Ich finde es beeindruckend, wie sie ihre Erfahrungen während der Pandemie schilderten. Es schloss sich eine Betrachtung durch Fachleute der Kinder- und Jugendhilfe an, die mit einem konkreten Blick in den Alltag von stationären Einrichtungen ergänzt wurde. Im vierten Teil wurden das „Aufholpaket" der Bundesregierung und einige Kritikpunkte erläutert. Im 5.und 6. Beitrag ging es um 5 Thesen und Forderungen, die die die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter im Oktober 2020 formuliert haben und um weitere Forderungen, die in einem offenen Brief mit dem Titel: „Junge Zukunft trotz(t) Corona – Chancenpaket für junge Menschen" formuliert wurden.

Mir ist durchaus bewusst, dass diese Beiträge nicht alle Aspekte der Kinder, Jugendlichen und ihren Familien in Bezug auf die Corona-Pandemie abdecken können. Das war und ist auch nicht mein Anliegen. Vielmehr ist es meine Intention, den Blick auf Kinder und Jugendliche – die weit mehr sind als „Kita-Kinder" und Schüler*innen sind – zu erweitern und zwar in dem Sinne, dass sie wichtige Mitglieder unserer heutigen Gesellschaft sind, sie in besonderem Maße zu schützen und zu fördern sind. In diesem Zusammenhang spielt die Jugendhilfe, die im Sozialgesetzbuch VIII (SGB VIII) verankert ist, eine entscheidende Rolle. Da die Jugendhilfe sehr umfangreich ist, habe ich mich bewusst auf die Erziehungshilfen bezogen, die meines Erachtens generell sehr wenig in der Öffentlichkeit präsent ist – es sei denn „die Jugendhilfe" hat mal wieder „versagt".

Im Folgenden möchte ich mein persönliches Statement abgeben und dieses mit Forderungen an uns – die Fachleute und Akteur*innen – aber auch an die Politik hinterlegen.

Kinder und Jugendliche sind unsere Gegenwart. Oftmals wird von der heranwachsenden Generation als „unsere Zukunft" gesprochen. So richtig das ist, ist es um so wichtiger festzuhalten, dass die jungen Leute genauso unsere Gegenwart sind! Damit will ich sagen, sie brauchen hier und heute unsere volle Aufmerksamkeit und dürfen in dieser für uns alle schwierigen Zeit nicht übersehen werden, sondern vielmehr mit allen ihren Erlebnissen der letzten 1 ½ Jahren, ihren Ängsten, Wünschen und Bedürfnissen gehört und ernst genommen werden.

Reform des SGB VIII – junge Volljährige. Die lang diskutierte Reform des Kinder- und Jugendhilfegesetztes wurde in der Pandemie fortgesetzt und schließlich auch beschlossen. Wieso hier im § 41 das Alter für junge Volljährige nicht auf zumindest 23 Jahre angepasst wurde, erschließt sich mir nicht. Es wäre konsequent gewesen, hier sogar auf 25 Jahre zu gehen und somit eine Anpassung mit dem Jobcenter zu ermögliche, die aus gutem Grunde spezielle Jobcenter für junge Leute bis 25 Jahren haben.

Schon vor Corona wurde immer sichtbarer, dass zahlreiche junge Menschen mit 21 leider noch nicht so erwachsen sind, wie es wünschenswert wäre, um ein selbstverantwortetes, eigenständiges Leben zu führen. Wenn Jugendhilfe dann mit dem Erreichen des 21. Lebensjahres endet – bzw. in einzelnen Fällen ggf. für wenige Wochen oder Monate verlängert wird – haben wir des Öfteren erlebt, dass sie in eine staatliche Wohnunterkunft ziehen müssen, ihre Ausbildung abbrechen oder wenn sie in den eigenen 4 Wänden sind, sie hier nicht so selbstständig alles regeln können und der Verlust der Wohnung droht. Es bleibt maximal der Weg zum Eingliederungsamt, wenn sie bereit sind, sich auch einem psychologischen Gutachten zu unterziehen.

Wirklich nachhaltige Jugend- und Volljährigenhilfe sieht anders aus.

Die 5 Thesen der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter. Hier wurden klare, fachlich gut begründete Aussagen zu den Auswirkungen der Corona-Krise auf Kinder und Jugendliche gemacht. Es werden Forderungen formuliert, die ich weitestgehend so unterstütze. Nur frage ich mich: Liebe Landesjugendämter, wieso macht ihr es denn nicht? Zumindest in den Stadtstaaten – wo also keine Kommunen letztendlich über ihre Haushaltsmittel entscheiden – wäre es ein leichtes z. B. die Forderung nach angemessener digitaler Ausstattung zu verwirklichen. Aus eigener Erfahrung muss ich feststellen, dass selbst als überall Kontaktbeschränkungen und Home-Office verordnet wurde, wir nicht einmal einen finanziellen Zuschuss für die Anschaffung von Laptops von der Sozialbehörde erhalten haben.

Im Hamburg haben sich im Frühjahr 2020 die Dachverbände mit der Sozialbehörde auf einen Rahmenvertrag auch zum Erhalt der Infrastruktur der Jugendhilfe geeinigt. Nur z. B. von uns als Träger angemietete Wohnungen, die wir im Rahmen ambulanter Hilfen an die jungen Menschen vermieten, werden bei Unterbelegung nicht einmal mit einem Zuschuss unterstützt. Einige Träger haben solch kostbaren Wohnraum für die Jugendhilfe aufgeben müssen, weil die Jugendämter – auch eingeschränkt durch die Pandemie – wesentlich weniger Erziehungshilfe mit trägereigenem Wohnraum verfügt haben.

Daher frage ich mich ernsthaft, an wen sich diese Forderungen eigentlich richten?

Das Aufholpaket der Bundesregierung ist ein Armutszeugnis. Es ist lobenswert, wenn der Bund sich bemüht, dass Kinder und Jugendliche nach der Corona-Krise, den Anschluss nicht verpassen. Jedoch sind 150 Euro pro Kind nicht einmal eine Pressemitteilung wert. Voll und ganz begrüße ich die Wirtschaftshilfen für Solo-Selbstständige, Betriebe und Großunternehmen. Hier wurde und wird – wenn auch teilweise sehr bürokratisch – finanziell Entlastung geschaffen. Im Verhältnis dazu sind die Maßnahmen und die Investitionen für Kinder und Jugendliche sehr bescheiden und bei weitem nicht ausreichend.

Vielmehr gilt es aus meiner Sicht, kurzfristig mehr Geld in die Hand zu nehmen an Stellen wo es wirklich gebraucht wird – und nicht so pauschal wie hier – und darüber hinaus wird es die Aufgabe der nächsten Bundesregierung sein, grundsätzlich Kinder, Jugendliche und Familien mehr in den Fokus zu nehmen.

Hiermit endet diese 7-teilige Serie und ich hoffe, dass die Beiträge Sie zum Nachdenken angeregt haben und – wenn Sie selbst in der Jugendhilfe tätig sind – Sie auch zum Handeln in der Gesellschaft motiviert. Denn wir brauchen Menschen, die dicht dran sind an der jungen Generation und sich gleichzeitig darüber hinaus z. B. in der Politik einsetzen.

Für weitere Informationen nehmen Sie Kontakt mit uns auf:

adelante Jugendhilfe GmbH
Griegstraße 75, Haus 23
22763 Hamburg

Telefon: 040 / 38 63 04 60
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